Energiewende – Energieträger A durch Energieträger B ersetzen?

Einfach Energieträger A durch Energieträger B ersetzen – und alles wird gut?

In den letzten Wochen ist immer wieder von Energiewende, von erneuerbaren Energien, der Abkehr von fossilen und endlichen Energieträgern die Rede.
So auch gestern bei Maybrit Illner.
Eigentlich versuche ich solche Diskussionsrunden zu vermeiden – weil nie irgendetwas vernünftiges dabei herum kommt.
Gestern bei Maybrit Illner pochte Hans-Werner Sinn darauf, dass es blanker Unsinn sei zu glauben, man könne den Primärenergiebedarf Deutschlands (deutlich schwerer als vielleicht den Strombedarf) „mal eben so“ mit Windkraftanlagen und Photovoltaikanlagen decken.
Da hat er absolut recht. Das geht auch nicht.
Allerdings nutzte er dafür wie ich finde ein untaugliches Argument: die Kosten.
Das ginge nicht, weil es einfach unwirtschaftlich wäre und schlicht zuviel kosten würde.
Offen gestanden fällt es mir schwer Toleranz gegenüber Menschen zu üben, welche grundsätzlich nur ökonomisch argumentieren – und absolut alles andere außer Acht lassen (um es mal milde auszudrücken).

Am Rande bemerkt: einen konstruktiven Lösungsvorschlag habe ich von Leuten seines Schlages noch nicht gehört.
In dieser Frage hat er augenscheinlich Recht.
Wir brauchen uns nicht der Illusion hingeben und denken, wenn wir ein paar Windräder hinstellen, ist alles in Butter.
Der Primärenergiebedarf Deutschlands besteht eben nicht nur aus dem erzeugten Strom.
Dazu gehören alle Energieträger.
Also eben auch Uran, Braun- und Steinkohle, Erdgas, Erdöl (Heizöl, Diesel, Benzin, Kerosin, …) und so weiter.
Die meisten dieser Energieträger speichern ja quasi den Energiegehalt, den sie im Laufe sehr langer Zeiträume gesammelt haben.
Also salopp formuliert die gespeicherte Sonnenenergie von hundertausenden von Jahren.
Dass ich diesen Energiegehalt nicht „mal eben“ ersetzen kann, sollte hoffentlich klar sein.
Was ich bei derartigen Diskussionen und auch im alltäglichen Leben feststelle:
Es wird immer von der Prämisse ausgegangen, dass ich einfach „mal eben“ Energieträger A durch Energieträger B ersetze und das wars.
Da kommt wiederum das zum Tragen, was ich schon vielfach angemerkt hatte:
Jeder will, dass sich etwas verbessert – aber keiner will letztlich etwas ändern.
Jeder will den gleichen Lebensstandard aufrecht erhalten – aber bitte umweltfreundlich.
Und das ist eben Käse!

Warum wird denn nie die Frage gestellt, wie ich den Primärenergiebedarf massiv reduzieren kann – oder ob ich große Teile davon überhaupt brauche?
Wenn ich wirklich eine Energiewende wollte, dann würde ich erst einmal alles auf den Prüfstand stellen, was mit Energie auch nur im entferntesten zu tun hat.
Denn eines kam auch häufiger in Diskussionen als Randnotiz vor:
Die Energie, die ich gar nicht erst benötige, ist immer die umweltfreundlichste.
Anmerkung: das Wort umweltfreundlich ist hier (und anderswo) lediglich zu übersetzen mit „möglichst geringer Schaden“. Schäden verursache ich immer – nur wie groß sie sind unterliegt mir zu einem gewissen Grad der Kontrolle.

Im Zweifel muss ich mich dann auch von liebgewonnenem Luxus trennen.
Das bedeutet dann eben auch, dass da Arbeitsplätze verloren gehen.
Und auch das hatte ich mehrfach angemerkt: ich bin der Meinung, dass man nicht jeden Scheiß mit Arbeitsplätzen rechtfertigen kann.
Konkret muss dann zum Beispiel auch unser Verständnis von Mobilität auf den Prüfstand.
Braucht jeder Mensch ein Auto – oder gar noch mehr?
Wenn man dieses braucht um zur Arbeit zu kommen – könnte man dies nicht dezentraler bewerkstelligen? Wenn man damit einfacher von A nach B kommt, als mit dem ÖPNV – kann man letzteren verbessern? Oder kann ich vielleicht von zuhause aus einiges erledigen?
Sprich: könnte man nicht ein Verkehrssystem etablieren, bei dem nicht jeder eine Tonne Metall in der Auffahrt stehen hat, welche zu 90% der Zeit sinnlos herum steht? Oder ist der Arbeitsplatz mit den dort produzierten Waren und Dienstleistungen überhaupt sinnvoll oder sollte ich den im Interesse des Gemeinwohls lieber abbauen und dem bisherigen Arbeitgeber sinnvollere Aufgaben zur Auswahl geben?
Und auch hier bitte nicht an irgendwelchen Prämissen kleben oder sagen „das kostet zuviel“.
Aber die zur Disposition/Prüfung stehenden Posten sind damit ja noch nicht aufgebraucht.
Muss ich beispielsweise eine intensive Landwirtschaft fortführen mit Massentierhaltung, Pestiziden, Kunstdünger und Co – und von den produzierten Agrarprodukten erstmal die Hälfte wegwerfen? Muss ich Agrarprodukte um die halbe Welt schippern?
Oder muss ich überall mit Beton arbeiten? Seines Zeichens einer der größten Energiefresser überhaupt.
Oder muss ich dreimal im Jahr in den Urlaub nach Mallorca – für 99€?
Also Urlaub als Ausgleich dafür, dass ich ständig mehr Leistung bringen muss – um Dinge zu produzieren, die kaum jemand braucht – um damit Geld zu verdienen für den Konsum von Dingen, die ich meistens nicht brauche.

Letztlich steht also meiner Ansicht nach die gesamte Konsum- und Leistungsgesellschaft auf dem Prüfstand.
Wenn wir aufhörten ständig neue Dinge zu produzieren und alte wegzuwerfen, während die alten noch gut sind und aufhörten bei eigentlich guten Dingen die Lebenszeit vorsätzlich zu verkürzen und nur Dinge produzierten, die man auch wirklich braucht …
Ich glaube dann hätten wir mehr Energie (und in der Erzeugung energieintensive Ressourcen) eingespart, als man je mit Windkraftanlagen generieren könnte.

Aber da hapert es ja.
Das System ist ja gewollt.
Nicht weil es sinnvoll wäre, sondern weil davon zuviele profitieren.
Und wenn Kritik aufflammt, dann kommen Totschlagargumente oder immer wieder aufgewärmte Propaganda.
Gerne genommen „da hängen Arbeitsplätze dran“.
Und in den Massenmedien hört man dazu das, was man immer hört: die übliche Pro-Konsum-Rhetorik.
Wirtschaftswachstum ist gut, gute Konjunktur, weniger Arbeitslose, Konsumklimaindex, der Dax hat zugelegt, gute Prognosen, die Krise besser bewältigt, als andere Staaten, …
Insofern wird sich so schnell daran nichts ändern, wenn man zwar eine Verbesserung will, aber allerhöchstens im Detail.
Alles andere solle doch bitte so bleiben, wie bisher.
Aber genau das bringt ja nichts.
Das ist in meinen Augen ähnlich sinnvoll, wie mit einem Hirntumor zum Chirurgen zu gehen und zu sagen „bitte mal an den Seiten kürzen“.

Entweder man macht es richtig und stellt wirklich alles auf den Prüfstand – oder man macht einfach so weiter wie bisher – und hält sich doch bitteschön mit (unter dem Strich) nutzlosen Forderungen zu Detailverbesserungen zurück.
Wobei ich letzteres Prinzip, also das „einfach so weitermachen“ nicht unbedingt empfehlen möchte, weil das in der Summe zuviel kostet; das können wir uns langfristig nicht leisten, lieber Herr Sinn!

3 thoughts on “Energiewende – Energieträger A durch Energieträger B ersetzen?

  1. Danek für den sehr zutreffenden Artikel – Du bringst das Dilemma der „Energiedebatte“ (und vieler anderer ähnlich gelagerter) gut auf den Punkt: die Leute glauben, dass man einfach so das jetzige System begrünen könne und im Prinzip würde ansonsten alles so weiter laufen wie bisher. Dass jeder einzelne umdenken und seinen Lebens-/Konsumstil überdenken muss, ist natürlich unpopulär, aber letztlich unumgänglich, denke ich.

  2. Pingback: Konsumpf » Lesetipps: Wie Goldman-Sachs die Agrar-Symmetrie zerstörte | Energiewende | Gärtnern in der Stadt | Die Datenfresser | Apple(-Fanboys) in der Kritik

  3. Danke für den Artikel. Ein Wechsel auf nachhaltige Energieversorgung muss eben ganzheitlicher gesehen werden. Einfach nur ein Wechsel 1:1 auf erneuerbare Energien wäre zu kurz gesprungen.
    Das Kostenargument halte ich auch für Unsinn. Um einen Umstieg auf erneuerbare Energieträger kommt man ja nicht drum herum, weil fossile Brennstoffe eben begrenzt sind. Je früher man umsteigt, desto längerfristig kann der Umstieg erfolgen, desto billiger wird es, weil die Kosten gestreckt werden. Außerdem sind Kosten auch Investitionen, die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen. So funktioniert Wirtschaft, das sollte doch gerade ein Ökonom begreifen.

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