Der Fall zu Guttenberg und die Glaubwürdigkeit

Die Diskussion um Herrn zu Guttenberg und seinen Doktortitel habe ich mir  ja lange angehört. Ein gefundenes Fressen für die Presse.😉
Jetzt will ich doch auch mal ein oder zwei Sätze dazu verlieren (oder auch ein paar mehr).

Ich war zunächst sehr unschlüssig, wie ich die Sache beurteilen soll. Und irgendwie bin ich es jetzt auch noch.
Einerseits wurde er ja in der Tat nicht wegen seines Doktortitels oder als Jurist „eingestellt“.
Das Amt könnte auch jemand ohne Doktortitel ausführen – zur Not auch jemand, der nicht einmal einen Hauptschulabschluss erworben hat.
Das alles ist keine Grundvoraussetzung.
Anfangs ging es ja auch „nur“ um fehlerhafte Fußnoten.
Und – sind wir mal ehrlich – Fehler kommen vor und zwar bei jedem – immer und immer wieder.
Nachdem aber diese Geschichte (als Affäre oder Skandal will ich es nicht bezeichnen) andere Ausmaße angenommen hat, muss ich andererseits sagen, dass das, was er da abgeliefert hat, wahrlich keine Glanzleistung ist.
Es handelt sich mindestens um recht dreiste und illegale Verwendung geistigen Eigentums anderer, also eine Urheberrechtsverletzung. Im schlimmsten Falle ist es Betrug. In jedem Falle ist es aber eine krasse Missachtung wissenschaftlicher Grundsätze – was jetzt ehrbaren Wissenschaftlern zum Nachteil gereichen dürfte.
Da stellt sich natürlich die Frage: kann jemand, der ein hohes politisches Amt inne hat, einfach so weitermachen, als wäre nichts passiert?
Und da muss ich sagen: ich finde nicht.
In der Politik geht es ganz klar um Zuspruch und Wählergunst, um Vertrauen, um Glaubwürdigkeit. Zumindest in der Theorie.
Und eben jene Glaubwürdigkeit hat massive Risse bekommen.
Gut, ich habe auch bereits vorher wenig von diesem Selbstdarstellungskünstler aus Bayern (mit schmucker Fassade, aber ohne nennenswerten Inhalt) gehalten.
Jetzt jedoch ist er in meiner Gunst noch weiter abgesunken.
Andere in ähnlicher Situation waren nicht mehr gesehen und sind von der politischen Bühne verschwunden.
Interessant finde ich, dass – sofern man den veröffentlichten Umfragen trauen darf (ein Thema für sich) – viele weiterhin zu ihm halten und anscheinend wenig Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit hegen.
Für viele scheint dann der – mit Verlaub – Beschiss nicht zu zählen. Vielleicht sind den Wählerinnen und Wählern, welche in der Hauptsache eben keine Akademiker sind, wissenschaftliche Vorgehensweisen nicht wichtig.
Vielleicht hat man sich auch schon damit abgefunden, dass die allermeisten Mandatsträger oder Amtsinhaber irgendwo eine mehr oder minder große Leiche im Keller haben. Vielleicht ist man auch als wahrer Fan nicht bereit Negatives zu registrieren. Wer weiß.
Die meisten Anderen wären direkt aus dem Amt entfernt und nicht wieder gesehen worden.
Wirklich interessant, wie sich die Dinge ändern, wenn man nur beliebt genug ist.
Interessant auch die Interpretation der Sachlage je nach Parteizugehörigkeit.
Die Mitglieder der Regierungskoalition werfen der Opposition vor, sie schlachteten das Thema über Gebühr aus und stellten Herrn zu Guttenberg völlig zu Unrecht an den Pranger. Das sei ja alles nur halb so schlimm und er habe sich ja entschuldigt – Schwamm drüber, Fehler passieren.
Mal abgesehen von üblichen parlamentarischen „Gepflogenheiten“, ist es aber durchaus angebracht, eben nicht Gras über die Sache wachsen zu lassen.
CDU und FDP hätten zudem im umgekehrten Falle wenig Skrupel ebenso deutlich zu reagieren.
Letztlich ist aber völlig wurscht welcher Partei jemand angehört. Gleiches Recht für alle!
Das betrifft aber letztlich nur seine Dissertation – nicht sein Amt. Dieses muss man gesondert betrachten.
Konsequenzen für seine Amtsinhabe kann ich persönlich kaum fordern.
Einen Rücktritt fordere ich nicht.
Einen Rücktritt fordern – ich sagte es bereits – gehört zum üblichen Mit- und Gegeneinander der Parteien. Das sollte man nicht überinterpretieren.
Ob es jetzt rechtlich machbar oder sogar zwingend vorgeschrieben ist, Herrn zu Guttenberg quasi des Amtes zu entheben …
Das kann ich als Nicht-Jurist nicht beurteilen.
Ich vermute aber, dass zivilrechtliche Vergehen keinen Einfluss auf die weitere Ausübbarkeit des Amtes haben.
In letzter Konsequenz muss er jetzt selbst wissen, ob er bereit ist unter diesen Voraussetzungen weiter zu machen; wissentlich, dass er seiner Glaubwürdigkeit und derjenigen der Partei (weiter) schaden kann.
Anschließend muss die Partei entscheiden, ob er weiter tragfähig ist.
Ganz zum Schluss muss der Wähler beurteilen – mittels Wahl – ob das Verhalten akzeptabel war und ist.

Update:

Gestern ist Herr zu Guttenberg zurückgetreten und hat die Bundeskanzlerin gebeten ihn aus dem Amt zu entlassen. Bis ein Nachfolger gefunden wurde, bleibt er Übergangsweise im Amt.

Somit hat sich dieses Thema jetzt größtenteils erledigt.

Da hätte ich mir den Blogeintrag auch schenken können. Hätte er doch mal 1-2 Tage früher machen können.