Für den Müll gebaut

Ich bin beim konsumkritischen Blog Konsumpf.de über einen Beitrag zu einer Dokumentation von Arte gestoßen.
Thema: „Kaufen für die Müllhalde
Kurze Zusammenfassung:
Die Wirtschaft versucht bewusst Produktzyklen möglichst klein zu halten.
Dies soll dazu führen, dass Konsumenten regelmäßig „neue“ Produkte kaufen müssen.
Drucker verweigern nach vordefinierter Zeitspanne automatisch den Dienst.
Glühbirnen halten nur 1000 Stunden, obwohl es Glühbirnen gibt, welche Jahrzehnte halten.
Kartelle bilden sich, um sich auf Haltbarkeiten zu einigen.
Elektronikschrott wird um die Welt geschippert.
Ressourcen werden in atemberaubendem Tempo verschleudert.

Vieles davon war bisher bereits bekannt – mir zumindest – aber dennoch verdeutlicht die Dokumentation das schiere Ausmaß des Problems.
Produkte werden mit voller Absicht mit Ablaufdatum versehen – Stichwort: Obsoleszenz.
Sie sind so konzipiert nicht lange zu halten.
Als zweite Säule greift die Werbung, welche suggeriert, dass das alte und (vielleicht noch)funktionierende nicht länger angesagt ist.
Reparaturen sind teurer, als ein neues Gerät zu kaufen – oder völlig unmöglich.
Gewährleistungsansprüche sind letztlich auch witzlos, da diese Gewährleistung nur 6 Monate wirklich greift. Eigentlich ja 2 Jahre, aber nach 6 Monaten muss ich als Kunde nachweisen, dass das Gerät bereits anfangs einen Defekt aufwies.
Eigentlich sollte man davon heute zwangsläufig ausgehen.😉

Schade finde ich auch hier wieder – um etwas vom eigentlichen Thema abzuschweifen – dass es kein Archiv bei den öffentlich rechtlichen Sendern gibt.
Nach einer Woche sind solche Filme aus dem Archiv verschwunden.
Ich fände es mehr als gerechtfertigt, wenn es ein Online-Archiv mit allen gesendeten Beiträgen gäbe – zumindest der selbst produzierten.

Aber zurück zur Wegwerfgesellschaft.
Wie könnte man dem Problem begegnen?
Das ist ein vielschichtiges Problem, dem man kaum mit einer einzelnen Lösung beikommen kann.
Man kann natürlich versuchen die Gewährleistungsfristen massiv hochzusetzen.
(Obschon man mit solchen Forderungen immer riskiert auf einmal morgens nicht mehr aufzuwachen.)
So dass bspw. ein Drucker 5, 10 oder noch mehr Jahre halten muss.
Aber würde man dies allein umsetzen wollen, so gäbe es immer noch das Problem der Bedürfnisschaffung seitens des Marketing/der Werbung.
Was bringt es, wenn etwas potentiell lange hält, aber jedem eingeredet wird, dass das neue besser ist oder das alte aus der Mode?

Meiner Einschätzung nach muss man hier mehrgleisig fahren.
1.) Lange Gewährleistungsfristen – ohne Umkehr der Beweislast
Ich fände es nicht übertrieben, wenn man festschreibt, dass eine Festplatte 10 Jahre funktionieren muss. Oder ein Drucker oder ein Auto, …
2.) Während dieser Zeit und auch weit darüber hinaus müssen Geräte günstig repariert werden können.
Dies beinhaltet natürlich auch, dass es langfristig Ersatzteile geben muss.
Häufig sind bei Geräten nur winzige Kleinteile verschlissen, welche man austauchen können muss.
Dementsprechend muss auch das Design der Produkte konzipiert werden, eben auf problemlose Reparatur.
So etwas wie nicht austauchbare Akkus beim IPod darf es dann nicht geben.
3.) Kein Anfallen von Abfällen
Entweder muss ein Produkt in den natürlichen Kreislauf zurückkehren können oder es muss zu 100% wiederaufbereitbar sein. (Übrigens das Todesurteil für Atomkraftwerke).
Wenn ich also ein T-Shirt kaufe, dann muss dieses ohne Schadstoffe oder künstliche, nicht abbaubare Farben auskommen und problemlos kompostierbar sein.
Mal davon abgesehen, dass das T-Shirt sowieso lange halten muss.
Und wer sagt das geht nicht, befindet sich im Irrtum.
Es gibt durchaus stark strapazierbare pflanzliche Fasern und natürliche Farbstoffe.
Bei anderen Produkten, welche nicht biologisch abbaubar sind, müssen die Komponenten problemlos wiederaufbereitet werden können.
Wenn ich mir eine Halbleiterplatine angucke, dann ist diese nach Gebrauch Sondermüll – und wird irgendwo in Afrika verbrannt, um an das Metal zu kommen.
Man muss die Materialien so konzipieren, dass diese sortenrein trennbar und wiederverwendbar sind.
Also entweder biologisch abbaubar oder ewig wiederverwendbar.
Übrigens biologisch abbaubar ist auch längst nicht alles, nur weil das auf der Verpackung steht.
Unter dem Strich: Mülldeponien oder Müllverbrennungsanlagen darf es nicht mehr geben.

4.) Eingeschränkte Werbung
Es sollte nurnoch informierende Werbung geben.
Keine Bedürfnisschaffung, sondern nurnoch Bedürfnisbefriedigung.
Wie man das letztlich umsetzen will, kann ich so im Detail schwer einschätzen.
Aber Möglichkeiten gäbe es durchaus.
Man könnte bspw. damit anfangen Telefonwerbung und Postwurfsendungen systematisch zu verbieten – allein wieviele tausende Tonnen Papiermüll dabei sparen könnte …
Ich muss dazu gezwungen sein selbst nach etwas zu suchen, wenn ich es brauche – und nicht vollgemüllt werden mit Werbung für Dinge, welche ich größtenteils gar nicht brauche.

5.) Man könnte und sollte auch darüber nachdenken, im Preis einer Dienstleistung und eines Produktes sämtliche dafür benötigte Kosten einzurechnen.
Dies beträfe dann auch bspw. Kompensationskosten für CO2-Emissionen oder Wasserverbrauch.
Die Kosten eines Produktes decken ja mitnichten den tatsächlichen Wert bzw. die angefallenen Kosten dahinter.

Wichtig ist bei einem solchen System natürlich, dass es nicht wettbewerbsverzerrend wirkt.
Ob es der Kleinbetrieb um die Ecke oder ein Riese aus China ist.
Alle müssen sich an die gleichen Regeln halten.

Wer jetzt Angst um seinen Arbeitsplatz hat:
Wie gesagt: die Regeln gelten für alle – es gibt also keine Wettbewerbsverzerrung – vermutlich im Gegenteil.
Die entstehenden Waren und Dienstleistung müssten natürlich teurer werden.
Dies heißt aber nicht, dass sie im gleichen Maße mit dem Faktor der Lebenszeitverlängerung steigen müssten.
Und mal unter uns: nur weil an etwas Arbeitsplätze dranhängen, muss die Angelegenheit noch lange nicht sinnvoll oder ehtisch vertretbar sein – auch wenn das der entsprechende Arbeitnehmer nicht gerne hört!
Oder anders ausgedrückt: das Argument zieht nicht!
Unternehmer sind so oder so darauf fixiert Mitarbieter freizusetzen – schlicht um Personalkosten zu senken und den Marktwert zu erhöhen.  Diese Forderungen werden das weder verschlimmern, noch verbessern.
Der Konsument wäre bei höheren Preisen gezwungen sich zu entscheiden, ob er das entspechende Produkt wirklich braucht.
Denn schließlich kostet es deutlich mehr. Aber es hält auch wesentlich länger und funktioniert zufriedenstellend – und richtet so wenig Schaden wie möglich an.
Für Hersteller wäre dies natürlich ein radikaler Wechsel in der Unternehmensstruktur.
Nicht mehr immer schneller immer mehr produzieren mit immer schlechterer Qualität ohne Rücksicht auf (nicht-finanzielle-)Verluste, sondern weniger mit sehr guter Qualität.

Am Rande bemerkt:
Ich persönlich wäre dafür, eine Art Codex für Produkte und Dienstleistungen aufzustellen.
Also strikte Richtlinien, unter denen ein Produkt hergestellt werden muss – egal wo auf der Welt.
Dies beinhaltete sowohl soziale, als auch ökologische und ökonomische Aspekte.
So darf dann eben nicht ein Mitarbeiter wie ein Sklave behandelt werden oder Kinder durch Kaffeeplantagen gejagt werden. Die Beispiele hierfür würden den Rahmen mehr als sprengen. Für Schwellenländer oder noch „ärmere“ Länder wäre dies natürlich zunächst einmal ein großes Problem. Schließlich leben sie häufig davon die billige Arbeitskraft als Ressource zu verkaufen.
Es darf aber nicht Produktion auf Kosten des Menschen und der Umwelt geben.
Giftstoffe dürfte es nicht mehr geben. Der Kunde dürfte nicht mehr als Versuchskaninchen missbraucht werden oder als unbezahlter Betatester.
Diesbezüglich wäre ich für das konsequente Umsetzen von Positivlisten!
Im Moment ist es größtenteils der Fall, dass ich ein Produkt quasi ungehindert auf den Markt bringen kann und erst im Schadensfalle mir jemand nachweisen muss, dass es nicht doch schädlich ist und ich keine Fehler gemacht habe. Kontrollen gibt es meist – wenn überhaupt – nur auf dem Papier. Und häufig begnügt man sich mit von Unternehmen selbst durchgeführten „Tests“.
Das Prinzip ansich ist ja unsinnig.
Ein Produzent müsste von vornherein dazu genötigt sein, die Unschädlichkeit als auch den Nutzen seines Produktes zu belegen.
Und eines sollte klar sein: es bringt nichts, wenn sich Unternehmen selbst testen.
Freiwillige Selbstkontrollen haben noch nie irgendwo irgendetwas gebracht!
Hier ist der Staat gefragt.
Ein jedes (!) Produkt müsste vor dem Erhalt einer Verkaufserlaubnis (!) getestet und für unbedenklich erklärt werden.
Dass dies eine riesige Menge Zeit und Geld kostet, dürfte klar sein.
Ich sehe aber keinen anderen Weg, um nicht doch als Konsument wieder einen Haufen möglicherweise hochgefährlichen und gesundheitsschädlichen Mülls angedreht zu bekommen.
Letztlich zahlt man die angerichteten Schäden so oder so – nur an anderer Stelle.
Im Gesundheitssystem, weil immer mehr mehr Menschen durch immer mehr (nicht erforschte) Umweltgifte krank werden, immer mehr Müll weltweit, immer mehr Treibhausgase und so weiter.
Unter dem Strich dürfte Vorsorge hier sogar deutlich günstiger sein, als möglicherweise irreparable Schäden wieder gutzumachen zu versuchen.
Der Unternehmer würde diese Kosten wieder auf das Produkt umschlagen – ihm selbst kann es wurscht sein. Es trifft ja jeden – und zahlen muss er es nicht. Zahlen muss immer alles der Endkunde – nur dann mit der Gewissheit, dass alles in Ordnung ist.
Das vielfach – auch von ansatzweise seriösen Medien – propagierte Wirtschaftswachstum ist letzlich nur für wenige gut.
Arbeitsteilige Wirtschaft ansich ist absolut notwenig – keine Frage.
Subsistenzwirtschaft ist wohl kaum das Mittel der Wahl.😉
Aber Wirtschaft hat auch eine Funktion, die sie erfüllen muss – nämlich Bedürfnisbedfriedigung. Nicht mehr und nicht weniger.
Schon garnicht sollte die Wirtschaft der Bereicherung Weniger auf Kosten der großen Mehrheit dienen.
Das Motto lautet also: langfristig denken – und nicht auf kurzfristigen Profit in der eigenen Tasche.
Die entsprechende Firma müsste die Tests dem Staat bezahlen.
Er muss daher im vorhinein bereits selbst getestet haben – oder direkt als harmlos gekennzeichnete Stoffe verwenden – einfach um die Kosten zu minimieren.
Da greift wieder das Prinzip Positivliste.
Es ist alles solange ausdrücklich verboten, bis es erlaubt ist.
Nicht umgekehrt!

Sicherzustellen ist natürlich die absolute Unabhängigkeit solcher Testlabore und Materialtester – Stichwort Lobbyismus.
Sonst könnte sich ein Unternehmen irgendwo einkaufen und das System ad absurdum führen.
Dies betrifft dann übrigens auch den universitären Betrieb.
Dort werden mehr und mehr Abgänger auf wirtschaftliche Interessen getrimmt.
Da muss man vorsichtig sein. Sonst schaltet sich die Wirtschaft bereits in den Unis ein und backt sich Produkttester nach Wahl.

Die Politik traut sich natürlich aus blanker Kurzsichtigkeit nicht an solch radikale Systemveränderungen heran.
Kurzfristig würden sie Wählerstimmen und Parteispenden verlieren.
Die Unternehmen würden gekonnt Ängste schüren – auch über die von Ihnen bezahlten (oder gar eigenen) Massenmedien – und alles versuchen, eben nichts ändern zu müssen.
Ich vermute auch, dass einige, welche diese Veränderungen fordern, dann eine drastisch verkürzte Lebenserwartung aufweisen könnten.

Also bleibt letztlich nur wieder, was einem jeden Menschen quasi in die Wiege gelegt ist:
Man ändert solange nichts, bis der Zustand unerträglich wird und man vor dem Abgrund steht.
Vorher ist eine Veränderung einfach zu unbequem und der Mensch als Gewohnheitstier will möglichst gar nichts ändern.
Auch wenn paradoxerweise viele nach Verbesserung schreien!
Verbesserung gibt es aber nur mit Veränderung!

Aber vielleicht hilft es schon, wenn jeder bei sich im Kleinen anfängt Verhaltensweisen zu hinterfragen und einiges zu ändern.
Man könnte bspw. beim Lebensmitteleinkauf eine Liste machen, mit Dingen, die man wirklich braucht. Dinge, die man eigentlich garnicht braucht, aber dennoch seltsamerweise immer wieder mit nach Hause schleppt, gibt es sonst zur Genüge.
Und wenn man bestimmte Dinge gerne konsumiert, kann man sich kurz darüber informieren, ob diese wirklich sinnvoll und harmlos sind – und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden.
Man könnte auch den Fernseher aus dem Fenster werfen – letztlich kommt eh nur Müll.
Das bisschen schrottiger Inhalt zwischen der Werbung … ist es das wert?
Gute Serien und Filme gibt es auch auf DVD.
(Lieber wäre mir naürlich eine Online-Videothek … aber das dauert leider immernoch, bis es da attraktive Plattformen gibt.)
Dann muss man nicht irgendwo zuschnappen, nur weil da ein Artikel runtergesetzt ist.
Meist wird auch mit den Preisnachlässen geschummelt ohen Ende.
Es muss auch nicht immer das billigste vom billigen sein.
Wie heißt es so schön: wer billig kauft, kauft meistens zweimal.
Dann die Frage: braucht man den ganzen Technikkrams wirklich?
Brauche ich einen USB-Raketenwerfer?
Muss ich jedes Jahr ein neues Handy kaufen, das 1000 Funktionen besitzt, von denen ich 990 nicht brauche?
Brauche ich wirklich ein 3€ T-Shirt, welches zu dem Preis nur von Sklavenarbeitern in Fernost und mit einem Haufen Gift überhaupt hergestellt werden kann?

Das sind so Kleinigkeiten, bei denen man anfangen kann.
Man wird das System alleine nicht besiegen.
Aber man sieht  – auch an Beispielen der letzten Wochen und Monate: wenn genügend Leute die Schnauze voll haben, dann ändert sich was.
Auch wenn sie dazu leider allzu häufig erst an einen Abgrund kommen müssen.