Ist ökologische Landwirtschaft in Deutschland flächendeckend machbar?

Ich muss mich doch mal über einige „Bio-Skeptiker“ aufregen.
In der ARD läuft ja seit einigen Tagen die Themenwoche „Essen ist Leben“.
An einigen Stellen muss immer wieder von Kritik gegenüber Bio-Lebensmitteln lesen und hören.
Das ginge alles nicht großflächig, sei keinesfalls gesünder und der Umwelt würde es auch nix bringen.
Zunächst möchte ich mal folgendes anbringen:
Das was wir heute unter Bio verstehen, was also das EU Bio-Siegel oder einige andere Siegel trägt, hat ja auch nur im weitesten Sinne etwas mit Bio zu tun.
Das ist der kleinste gemeinsame Kompromiss.
Was viele nicht wissen: Biolebensmittel dürfen bis zu 5% Nicht-Bio-Zutaten enthalten.
Die Freiheit von Gentechnik kann auch keiner garantieren.
Immerhin sind diese Felder nicht völlig hermetisch von der Außenwelt abgeschottet.
So wird es immer Kontaminationen mit fremden Genen und auch mit Schadstoffen geben.
Auch leben „bio-gehaltene“ Tiere keinesfalls glücklicher oder besser.
Das Bild was viele Menschen haben vom Bauern mit 2 Schweinen, einem Rind und 5 Hühnern – das ist einfach quatsch.
So etwas gibt es (fast) nirgends mehr!
Auch in der Bio-Branche gilt das knallharte Diktat des Marktes.
Es muss billig produziert werden auf Teufel komm raus.
Und mit ein paar Rindern macht man eben keinen Gewinn.
Und wenn die Rinder draußen auf der Wiese grasen, dann setzen sie deutlich langsamer Masse an.
Und rein hygienisch betrachtet kann man eben keine 10000 Hühner auf kleiner Wiese halten – das funktioniert schlichtweg nicht.
Zudem werden viele Futtermittel über riesige Strecken aus dem Ausland herangekarrt – weil sie entweder dort billiger produziert werden oder es vor Ort schlichtweg keine mehr gibt.
Bspw. Mais und Soja aus Südamerika – bei dem auch wieder nicht garantiert werden kann, dass das alles ok ist.
Schließlich werden 90% allen Sojas weltweit bereits gentechnisch verändert angebaut. Und man kann eben keine Reinheit garantieren.

Die Behauptung „man kann in Deutschland nicht konventionell durch Bio ersetzen“ hält sich hartnäckig.
Diese Aussage ist so auch durchaus korrekt. Schließlich schwingt immer die Prämisse mit, dass man 1:1 ersetzt.
Und das klappt natürlich nicht. Ich brauche für eine ökologisch nachhaltige Aufzucht von Tieren oder den Anbau von Bio-Nahrungsmittel- oder Futterpflanzen einfach mehr Platz.
Oder bei gleichem Platz dann entsprechend weniger Erträge.
Wenn man Felder extensiv bearbeitet, dann ist es nur logisch, dass ich da nicht die Ertragsstärke habe.

Nun gibt es aber hierbei zwei Punkte, die sehr, sehr gerne unerwähnt bleiben.
1.) in Deutschland werden beinahe die Hälfte – also ~50% – der Lebensmittel lange vor dem Verzehr weggeworfen!
Der Verbraucher lässt aus einem falschen Bild der Perfektion alles, was eben nicht perfekt aussieht, im Regal liegen. Er hat sich da einfach an etwas unnatürliches gewöhnt. Ebenso bspw. an den Luxus, jeden Tag Fleisch, Eier, Milch konsumieren zu können – noch vor 100 Jahren völlig undenkbar.
Um diese Situation wissend, werden schon tonnenweise nicht verkaufsfertige Güter (Kartoffeln, …) direkt auf dem Feld liegen gelassen und werden untergepflügt.
Die EU ist da auch nicht ganz unschuldig dran. Man denke nur an solche Dinge wie die Gurken-Krümmungsverordnung, welche vorschreibt, wie eine Gurke höchstens gekrümmt sein darf.
Zudem will die Industrie immer noch perfekter angepasste Pflanzen.
Zum einen, weil sie sonst evtl. nicht in ihren Maschinen verarbeitet werden können – zum anderen um perfekte Eigeneschaften zu erhalten.
So werden bspw. extra speziell gezüchtete Kartoffeln nur für die Herstellung von Pommes Frites angebaut – für andere Einsatzzwecke ist sie ungeeignet und was nicht den perfekten Maßen entspricht, wird direkt entsorgt.
Im Supermarkt muss auch alles immer bis zur letzten Minute verfügbar sein. Und was nicht sofort gekauft wird, wird weggeschmissen.
Letztlich ist der Verbraucher auch ganz und gar nicht unschuldig an der Entwicklung und die Industrie orientiert sich daran.
Alles, was nicht perfekt ist und lange haltbar, wird nicht gekauft.

2.) Ein riesiger Teil der Anbaufläche Deutschlands geht für den Anbau von Futterpflanzen drauf.
Wer es aus dem Biologieunterricht nicht mehr auswendig weiß, hier ein Tipp:
In der Nahrungspyramide geht es mit jedem Schritt nach oben um den Faktor zehn hoch.
Sprich: um ein Kilo Schweinefleisch zu erzeugen, benötigt man den Energiegehalt von ungefähr 10 Kilo Weizen.
Das sieht bei allen Nutztieren ähnlich aus. Das ist eine Konstante, die sich auch mit hochgezüchteten Tieren nur unwesentlich beeinflussen lässt.
Übrigens wer meint, es sähe beim Fisch besser aus, der irrt.
Auf immer populärer werdenden Fischfarmen muss auch mit pflanzlichen Nährstoffen zugefüttert werden – oder man würde die Meere noch stärker überfischen, als es eh schon der Fall ist.
Es wird also landwirtschaftliche Fläche verbraucht, um Fische in Aquakulturen zu mästen.

Wenn man aber der Massentierhaltung und dem massenhaften Wegwerfen von Nahrungsmitteln den Rücken kehren würde, dann wäre es sehr wohl möglich flächendeckend auf ökologisch verträgliche Landwirtschaft umzustellen.

Man müsste natürlich andere Maßstäbe ansetzen, als bei der konventionellen, von Monokulturen beherrschten, Landwirtschaft.
Die Felder müssten kleiner ausfallen, hätten aber im Gegenzug eine wesentlich höhere Artendichte – Stichwort Biodiversität.
Die Nahrungsmittel wären wesentlich ärmer an Pestizid/Fungizid/Herbizd (aber nicht komplett frei, ein wenig ökologisch verträgliche Behandlung ist notwendig).
Die Bodengüte würde steigen.
Die Grundwasserqualität und die Wasserqualität im Allgemeinen würde steigen.
Auch so etwas wie Algenblüte im Mittelmeer oder der Ostsee würde dramatisch zurückgehen (wobei da die chemische Industrie nicht unschuldig daran ist – Stichwort phosphathaltige Waschmittel).
Die vielfach abgelehnte Gentechnik würde es nicht geben.
Sie würde schlichtweg nicht benötigt werden.
Sinn der Gentechnik ist ja eigentlich ohnehin nur das abhängig machen von wenigen Großkonzernen, letztlich also Profitgier.
Das Argument, dass mit Gentechnik die Erträge stiegen, ist längst widerlegt. Viele GVOs (gentechnisch veränderte Organismen) sind sogar schlechter im Ertrag und man ist abhängig von speziellen Pestiziden (selbstredend vom gleichen Hersteller des Saatgutes), ohne die man noch weniger Erträge erzielt.
Zudem lassen sich die Hybriden, welche immer weiter auf dem Vormarsch befinden, weil sie billig verschleudert werden, auch nicht vermehren – oder erst nach langwierigem rückkreuzen.
Monsanto und Co. gewinnen also in jedem Fall und könnten irgendwann sogar die komplette Kontrolle über die Lebensmittelversorgung ganzer Kontinente übernehmen.
Aber zurück zum Thema.
Geändert werden müsste zudem die hochangepasste Züchtung beinahe aller Pflanzen und Tiere.
Man kann einfach eine Hochleistungs-Milchkuh nur schwer auf Bio umstellen.
Dazu bedarf es guter alter Rassen, welche zwar teilweise weniger Milch geben, aber deutlich robuster und genügsamer sind.
Auch muss man sich dann fragen, ob man sich hochgezüchtete, speziell angepasste Getreidesorten weiter leisten kann.
Insgesamt müsste man die schiere Masse an Nutztieren auf ein gesundes Maß zurechtstutzen.
Je nach Statistik, die man zu Rate zieht, auf 10-30% der jetzigen Nutztierzahlen.
Der Konsument müsste aber mitziehen und auch Lebensmittel akzeptieren, welche nicht perfekt sind.
Darüber hinaus kann es dann eben nicht jeden Tag das 50 Zentimeter Holzfällersteak oder einen 2 Liter Eimer Hühnerflügel geben.
Zudem bräuchte man mehr Landwirte, weil der Aufwand schlichtweg steigen würde. Diese müssten natürlich auch finanzielle Hilfe erhalten, um sich auf die gewollte Situation einzustellen.
All das bündelt sich natürlich in höheren Preisen.
Da sollte man sich nichts vormachen.
Wenn man aber bedenkt, dass der durchschnittliche Deutsche nur noch (fast lächerliche) 12-15% seines Einkommens für Lebensmittel ausgibt (und davon einen großen Teil ungenutzt wegwirft), dann ist da noch deutlich Luft nach oben.
Dann kauft man eben keinen minderwertigen zusammengepanschten Mist mehr bei den Discountern oder McDoof, sondern geht wieder zum kleinen Laden um die Ecke.
Der hochtechnisierte Lebensmittelmarkt setzt uns ohnehin nur noch Lebensmittel (?) vor, welche eine ungeheure Energiedichte haben, aber nicht satt machen.
Da braucht man sich auch über die ganzen Übergewichtigen nicht wundern.
Das hängt alles miteinander zusammen.
Um mal zum Ende zu kommen ….
Mit einem Satz gesagt: Man kann ganz Deutschland auf Bio-Anbau umstellen.
Das geht alles – man muss nur wollen!